Relative Stärke und Antizyklik

  • Hallo,
    ich muss mal ganz blöd fragen, weil das für mich ein Widerspruch ist.
    Dies ist ja hauptsächlich ein Forum für Antizykliker. Der Guru, wenn ich das mal so sagen darf, ist hier O'Shaugnessy, dessen Buch ich leider nicht gelesen habe, weil es auf dem Markt nicht mehr erhältlich ist. Vielleicht wird ja dort der Widerspruch erklärt. Ich kenne hier nur einige Fragment aus diesem Forum und da bin ich noch nicht fündig geworden.
    Deshalb meine Frage:
    Wenn eine Aktie eine hohe relative Stärke aufzeigt, heißt das doch das nichts anderes, als dass sie zyklisch - also zur Zeit stark nachgefragt - ist. Oder wie hat man das zu sehen?

    Gruß
    Guerillainvestor

  • Antizyklisch, nach meinem Verständnis, heißt nicht, kaufen wenn alle verkaufen, sondern kaufen, wenn sich wenige für wirklich günstige Aktien interessieren obwohl die Firma ganz offensichtlich den Turnaround geschafft hat und das Papier schon wieder eine Weile steigt.

    Schau dir mal den Chart von der Allianz unten an.

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    Bis Anfang 2003 hattest du eine negative RS. Ab 2003 eine positive RS bei einer nach KUV, KGV günstigen Aktie.

    Selbes Bild bei Salzgitter:

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    Ab 2003 gute RS bei sehr günstiger Bewertung.

    MB

    Einmal editiert, zuletzt von Mausebiber (29. Januar 2006 um 16:24)

  • looser
    Vielen Dank für den Link, aber mein Englisch ist nicht wirklich gut, so dass ich mir solche Bücher in Englischer Sprache nicht zutraue. Ich mag lieber Bücher in deutscher Sprache und da ist der Titel leider vergriffen.

    Gruß
    Guerillainvestor

  • Mausebiber

    Ich würde auch nicht kaufen, wenn alle verkaufen. Das verstehe ich auch nicht unter antizyklisch handeln. Aber zum Glück hast Du zwei Charts hier angefügt, die meine Frage sehr gut darstellen.
    Mir gefallen nämlich Charts, die eine gewisse L-Form aufweisen. So wie der Chart von Allianz, weshalb ich diese Aktie auch in meinem Depot habe.

    Salzgitter müßte dagegen auf jeder O'Shaugnessy-Liste ganz oben stehen. Ich weiß, daß Salzgitter ein recht niedriges KUV hat. Wie es um die relative Stärke bestellt ist, läßt sich aus dem Chart sehr gut ersehen. Auch top. Der Wert hat nämlich eine Fahrnenstange ausgebildet. Jemand, der nach O'Shaugnessy vorgeht, müßte diese Aktie also unbedingt in seinem Depot haben wollen, wenn er sie nicht schon früher gekauft hat. Ich würde sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht kaufen wollen, weil sie eine Fahnenstange ausgebildet hat und mir die Gefahr zu groß wäre, einen Rückfall zu erleiden.
    Man könnte es auch anders ausdrücken. Sie wäre mir schon zu zyklisch.
    Womit wir wieder bei meiner Frage wären, ob eine hohe relative Stärke noch antizyklisch sein kann!

    Gruß
    Guerillainvestor

  • Guerillainvest

    Das kommt natürlich darauf an wie du antizyklisch definierst. Die reine Lehre nach Anthony M. Gallea, William Patalon ist es sicher nicht mehr. Aber ich finde es war auf jeden Fall antizyklisch im Jahre 2003 Stahlaktien zu kaufen. Mit der RS Strategie erwischst du nicht das Tief aber dafür bekommst du Aktien die steigen. Vielleicht trifft es value besser als antizyklisch.

    Edit: Wobei man bedenken muß, dass die RS nur in der von O'S durchgeführten Studie betrachtet wurde. Andere Untersuchungen, die die Ergebnisse belegen können sind mir nicht bekannt.

    They did not know it was impossible, so they did it! --Mark Twain

    Einmal editiert, zuletzt von spud (29. Januar 2006 um 18:07)

  • Von Fahnenstangen in einem Chart spricht man, wenn Kurse fast senkrecht nach oben ausbrechen. Solche Charts waren zu Glanzzeiten des Neuen Marktes sehr oft zu sehen und zeigen recht häufig eine Überhitzung an. Bei einem Tageschart oder Wochenchart ist das ja o.k., aber nicht bei längerfristigen Charts. Kostolany würde sagen, dass jetzt zu viele zittrige Hände im Spiel sind und da ist ganz einfach ein hohes Risiko eines Rückschlags gegeben. Deshalb bewundere ich die reinen Mechaniker, die so viel Vertrauen in ihre Strategie haben, dass sie bei solchen Fahnenstangen noch einsteigen. Aber genau so würde der Idealchart (hohe relative Stärke) nach der Vorgehensweise von O'Shaugnessy aussehen.

    Gruß
    Guerillainvestor

  • Zitat

    Original von Guerillainvest
    Aber genau so würde der Idealchart (hohe relative Stärke) nach der Vorgehensweise von O'Shaugnessy aussehen.

    Kombiniert mit einer günstigen Fundamentalkennzahl wird ein passender Schuh draus.

    Time is on our side (TFF)

    Einmal editiert, zuletzt von Herakles (29. Januar 2006 um 19:08)

  • Findet ihr die Relative Stärke unabdingbar? Ich persönlich schaue da eher auf eine allgemeine Bodenbildung, nicht rein zahlenmäßig abgesichert - ich will ja nicht gerade zum Zwischenhoch kaufen, wie es mir bei Sixt vor 5 Jahren gegangen ist.

    Würdet ihr bei einem großen, sagen wir DAX-Unternehmen bei einem Ausverkauf nicht auch so zugreifen, wenn die Bewertung sehr günstig ist? Oder allgemein, reicht nicht auch ein gebrochener Abwärtstrend, der ja noch lange keine relative Stärke bedeuten muß? Beispielsweise eine Seitwärtsbewegung nach einem starken Abwärtstrend.

    Die L-förmigen Charts finde ich auch am interessantesten, allerdings sollte dann der horizontale Strich länger sein, wie etwa bei Sun Microsystems (SUNW.NAS) - rein stellvertretend für das Chartbild ohne fundamentale Aussage, es gibt ja zig andere, ein besserer fiel mir gerade nicht ein. Da würde ich eher bei den Tiefs bei 3 Euro herum einsteigen.
    Ich kann das aber auch nicht begründen, rein "gefühlsmäßig" (und natürlich hängt es auch davon ab, welche Aktie das ist und wie die Lage aussieht), aber ich investiere ja auch nicht rein mechanisch.

    In "unserer Demokratie" werden keine Minderheiten unterdrückt oder zum Schweigen gebracht (Boris Pistorius). Sondern die Mehrheit.
    "Unsere" Demokratie verhält sich zur Demokratie wie Transfrauen zu Frauen.

  • Zitat


    Aber genau so würde der Idealchart (hohe relative Stärke) nach der Vorgehensweise von O'Shaugnessy aussehen.

    Nicht umbedingt. Salzgitter haette man schon 2003 fuer unter 10euro gekauft mit der Strategie. Das heißt man haette schon 2 Jahre in Folge gute Gewinne eingefahren und waere jetzt bei Salzgitter nur mit _einer_ Depotportion investiert. D.h. den Großteil der Gewinne haette man laengst realisiert. (O'S kauft jedes Jahr zu gleichen Teilen die X billigsten Aktien und verkauft die alten - Norbert hat gezeigt, dass X am besten im Bereich 25 liegt). Dadurch kannst du dir auch ein Paar Loser Aktien leisten. (Im Laufe des Jahres wird Salzgitter wohl ein Top bilden und schnell fallen, aber wer weiß das schon ;))

    Zitat


    ... ich will ja nicht gerade zum Zwischenhoch kaufen, wie es mir bei Sixt vor 5 Jahren gegangen ist.

    Sowas kann man natürlich nie ganz vermeiden. Woher willst du denn vorher wissen, dass es ein Zwischenhoch ist. Aber, man kann sowas minimieren wenn man das Depot mechanisch im Oktober umschichtet. Viele Studien haben gezeigt, dass Aktien im Duchschnitt im Oktober ein Zwischentief bilden.
    Dadurch verpaßt man allerdings auch Kaufgelegenheiten im Rest des Jahres. (Aktien, die sich nicht an die Statistik halten ;))

    Zitat


    Würdet ihr bei einem großen, sagen wir DAX-Unternehmen bei einem Ausverkauf nicht auch so zugreifen, wenn die Bewertung sehr günstig ist?

    Nein, würde ich nicht (mehr). Wie der Bärenmarkt von 2000 bis 2003 gezeigt hat, fallen auch billige Aktien immer weiter wenn das Marktumfeld nicht stimmt. Allgemein kaufe ich nur Aktien wenn die Mehrzahl der Aktien eine positive RS hat - sich der Markt also in einem Aufwärtstrend befindet. Die Untersuchungen von O'S haben gezeigt, dass RS in Bärenmarkten geradezu kontraproduktiv ist.
    Wenn eine Aktie nach einem starken Abwärtstrend nicht wenigstens etwas relative Stärke zeigt, ist das imho ein eher schlechtes Zeichen. Nach der Seitwärtskorrektur könnte es genausogut weiter nach unten gehen.

    Zitat


    Die L-förmigen Charts finde ich auch am interessantesten, allerdings sollte dann der horizontale Strich länger sein, wie etwa bei Sun Microsystems (SUNW.NAS)

    Die L-förmigen Charts gefallen mir auch. Noch besser sind aber Aktien die auf einem mehrjährigen Hoch notieren und immernoch günstig sind - so wie Salzgitter im Oktober 2004.

    They did not know it was impossible, so they did it! --Mark Twain

    3 Mal editiert, zuletzt von spud (29. Januar 2006 um 21:22)

  • Wie Spud sagt: der RS-Turbo ist in Bärenmärkten Kontraproduktiv, das stimmt.
    Allerdings wenn die RS einfach nur negativ ist, ist das auch nicht so toll. Im Bärenmarkt ist es dann halt im gleichschritt nach unten (oder fallen nicht ganz so stark) und im Bullenmarkt ist es auch nicht gut.
    Absolut gesehen verlieren sie.
    Nur am Ende des Bärenmarktes steigen im Erholungsjahr die stark geprügelten Werte am stärksten. (nicht am anfang des Bärenmarktes!). Insofern besteht momentan wenig Bedarf an stark gefallenen Werten, denn wenn überhaupt, dann stehen wir am Anfang eines Bärenmarktes.
    Die stark gestiegenen Werte sind (vermute ich reziprok) am Ende des Bullenmarktes der große Verlierer. (Kann das jemand bestätigen?)

    Zitat

    Oder allgemein, reicht nicht auch ein gebrochener Abwärtstrend, der ja noch lange keine relative Stärke bedeuten muß?

    Wenn der Abwärtstrend gebrochen ist mit einer Seitwärtsbewegung, dann wäre nach einem Jahr seitwärtsbewegung die RS mindestens Null. Falls das nicht der Fall ist, dann wäre immer noch ein Abwärtstrend vorhanden.
    Man kann sich mit geringerem positivem RS-Zeitraum zufrieden geben, aber das ist nicht ungefährlich.

    Momentan habe ich den RS-Turbo ausgeschaltet (weil ich nicht mit noch einem weiteren guten Jahr rechne), und bin mir des Risikos bewußt. Zu schlecht sollte der Chart allerdings dennoch nicht aussehen, wie z.B. bei Medion.

    Gruß, Joe

    Time is relative. We perceive time very differently depending on which side of the bathroom door we’re on.