Staatsanleihen in 2010

  • Hallo,


    fuer 2010 Staatsanleihen shorten?


    Japan: Staatsverschuldung ueber 150% des BIP. Zinsen seit ueber 10 Jahren extrem niedrig. Seit ueber 10 Jahren immer wieder leichte Deflation.


    David Einhorn (Greenlight Capital) sagt, Japan sei schon ueber die Kante, koennte die Verschuldung nicht mehr abbauen und wuerde unweigerlich auf den Staatsbankrott zulaufen.


    Japan ist allerdings schon seit gut 10 Jahren so stark verschuldet und hatte bisher keine Probleme damit, nicht zuletzt wegen der niedrigen Zinsen. Ein grosser Teil der japanischen Staatsanleihen wird von den japanischen Sparern gekauft. Wegen der demographischen Entwicklung, sagt Einhorn, wird sich das aber in den naechsten Jahren aendern. In der Tat hat Japan in der vergangenen Woche einige Steuerregeln geaendert, die fuer auslaendische Investoren den Kauf von Staatsanleihen vereinfacht.


    Soweit ich das verstanden habe, hat Greenlight Captal langlaufende Puts auf JP-Staatsanleihen und auf den JPY.


    Balkenchart

  • Grossbritannien: Ist mit ca 60% des BIP nicht so stark verschuldet, hat aber zur Zeit ein Haushaltsdefizit von ueber 10% des BIP p.a. Mit etwas Glueck waren die Rettungssummen fuer die Banken eine einmalige Ausgabe, aber nach dem Luftablassen sollte der Bankensektor auf viele Jahre nur noch geringere Gewinne machen und somit weniger Steuereinnahmen liefern. Es duerfte extrem schwer werden, das Haushaltsdefizit in die Groessenordnung von 3% BIP p.a. zu senken.


    Ich weiss nicht, wer typischerweise die UK-Staatsanleihen haelt. Ich meine mich zu erinnern, dass ein grosser Teil im Ausland liegt. Laut Financial Times laeuft das britische 'Quantitative Easing' bis Ende Februar. Bisher und waehrend des QE wuerden effektiv etwa 40 Mrd GBP p.a. emittiert, in 2010 werden es ueber 200 Mrd GBP sein.


    Das sollte nicht spurlos an den Zinssaetzen und Risikopraemien vorbeigehen. Alternativ koennen sie weiter 'quantitativ easen', aber was geschieht dann mit dem GBP?


    Waehrend Japan strukturell schwaecher aussieht, koennte Grossbritannien erstaunlich anfaellig fuer eine Spekulation sein gegen Gilts und das GBP sein. Anlass? Die Wahl im Fruehjahr?


    Mit faellt kein prominenter Investor ein, der sich zu einer Short-Position bekennt. George Soros hatte GBP bei ca 1.50 EUR=1.00 GBP verkauft und kurz vor der Paritaet Anfang 2009 glattgestellt, 'weil es keine klare Chance' mehr sei.


    Balkenchart

  • USA: Die USA haben eine Staatsverschuldung von ca 70..80% des BIP und zur Zeit ebenfalls ein Haushaltsdefizit von ueber 10% BIP p.a. Deren Quantitative Easing laeuft bis Marz 2010.


    Anfang Dezember wurden 3-monatige (?) US-Staatsanleihen zu null-Zins emittiert. Seit Mitte November werden immer wieder T-Bills mit Laufzeit bis Maerz 2010 zu negativer Rendite gehandelt. Die Zinskurve ist so steil wie nie zuvor (Renditedifferenz zwischen 2-jaehrigen und 10-jaehrigen auf Rekord), was aber wohl hauptsaechlich an den niedrigen kurzfristigen Zinsen liegt.


    Warum sind die kurzfristigen Zinsen so extrem niedrig? Die US-Banken scheinen Staatsanleihen zu horten. Zum einen, weil Eigenkapital noch immer knapp ist und die Bilanzsumme zum 31.12. in sicheren Anlagen geparkt wird. Dazu kommt, dass die Investmentbanken zum erstenmal ihren Bilanzstichtag nicht zum 30.9. oder so, sondern genau wie die Geschaeftsbanken zum 31.12. haben. Ausserdem ist die Kreditnachfrage sehr schwach. Was tun mit all dem billigen Geld? Da sind Staatsanleihen mit mickrigen Zinsen immer noch besser als nichts.


    Wer kauft US-Staatsanleihen? Nicht mehr China. Durch die Krise sind die Importe aus Asien in die USA zurueckgegangen und damit das US-Handelsbilanzdefizit. Die asiatischen Zentralbanken haben schlicht nicht mehr so viele USD, um sie in den USA zu investieren. Nixda hatte dazu im
    anderen Thread
    einen Artikel aus der Shanghai Daily mit einem Interview des Vize der chinesischen Zentralbank zitiert.


    Ein grosser Teil der in 2009 emittierten US-Staatsanleihen ist nicht nur bei der Fed (quantitative easing) gelandet, sondern bei den US-Banken. Die duerften aber nicht so 'treue' Anleger sein wie die asiatischen Zentralbanken, sondern werden sich von den traesuries trennen, sobald das opportun ist oder sobald die Kurse fallen und es sich schlicht nicht mehr lohnt.


    Falls das QE tatsaechlich im Maerz endet, sollte das ebenfalls nicht spurlos an den Renditen voruebergehen. Wenn sie das QE verlaengern, wie sehr wird das dem Dollar uebelgenommen werden?


    Balkenchart

  • Was tun?


    Mit demselben Argument haette man seit 1995 japanische Staatsanleihen und JPY shorten koennen. Viele haben das getan und dabei Unsummen Geld verloren. Der Trade gegen die japanischen Staatsanleihen hat deswegen schon den Spitznamen 'schwarze Witwe' bekommen. Kaum jemand hatte eine so lange Phase der Deflation in Japan fuer moeglich gehalten.


    Soweit es um die 'risikofreie' Zinskurve geht, laeuft alles auf die Frage Inflation oder Deflation hinaus.


    Dann bleibt noch die 'Risikopraemie'. Ich meine, dass das System hier sehr instabil ist. Beispiel Japan. Warum ist die Rendite auf 10-jaehrige JP-Staatsanleihen nur nominale 2% p.a. obwohl das Land mit ueber 200% BIP verschuldet ist?


    1) Japan hat auf absehbare Zeit leichte Deflation, und da sind nominale 2% p.a. gar nicht schlecht.
    2) die JP-Staatsanleihen sind sehr liquide und ich kann jederzeit verkaufen, wenn sie anfangen zu fallen. Also besteht erstmal kein Handlungsbedarf.
    3) zur Zeit sind die Zinsen neidrig und die JP-Regierung kann die Schulden problemlos bedienen.


    Die meisten Wellen der 2007/8/9er Finanzkrise sind dadurch entstanden, dass die Investoren an (2) und (3) geglaubt haben. Die Risikopraemie ist nicht im Voraus gestiegen, sondern es gab einen bestimmten Moment, in dem das Vertrauen verloren ging. Dann wollten alle gleichzeitig durch dieselbe Tuer, und die Liquiditaet ist schlagartig verschwunden und der Markt zusammengebrochen.


    Andererseits ist das Shorten von Staatsanliehen extrem riskant:
    a) ueber KO-Zertifikate sehr teuer (meine Schaetzung 10..20% p.a. Verlust bei gleichbleibendem Future wegen Rollkosten und allerlei Gebuehren); ueber Optionen (bei IB bekommt man Optionen auf ETFs auf Staatsanleihen) ebenfalls teuer
    b) wie lange will/kann man durchhalten, wenn das Vertrauen intakt bleibt und die Risikopraemie nicht steigt?
    c) wie lange will/kann man durchhalten, wenn es bei leichter Deflation bleibt?
    d) wenn es wieder irgendwo knallt und eine Flucht in die vermeintliche Sicherheit von Staatsanleihen einsetzt, kann man leicht tief unter Wasser stehen, selbst wenn die Idee langfristig richtig ist.
    e) die Zentralbanken koennten einfach weiter die emittierten Staatsanleihen kaufen. Das ist natuerlich schlecht fuer die betreffenden Waehrungen. Andererseits weiss ich nicht, wie weit USD oder GBP z.B. dem EUR gegenueber fallen koennen, da sie hinsichtlich Kaufkraftparitaet eher schon leicht unterbewertet sind.


    Wir haben aehnliches schon hier und hier diskutiert.


    Aber, wenn der Markt fuer die Staatsanleihen eines grossen Industrielandes (Griechanland oder Dubai sind zu klein, das sind peanuts) tatsaechlich zusammenbricht, duerfte kein Stein auf dem anderen bleiben.


    Mit diesem Text oben im Editor wuensche Ich Euch ein frohes und geruhsames Weihnachtsfest und ein ereignisloses neues Jahr.


    Balkenchart

  • Vielen Dank für deine klaren und gut nachvollziehbaren Gedankengänge!


    Ein Alphaexpress-Zertifikat auf US-Staatsanleihen kurz/lang wäre nicht schlecht ;D

    Value investing is at its core the marriage of a contrarian streak and a calculator - Seth Klarman

  • Hallo,


    in irgendeinem Blog stand, dass Bernanke gerade fuer sein eigenes Haus eine Hypothek mit 30 Jahre Zinsbindung fuer knapp ueber 5% p.a. abgeschlossen hat. Ich habe nicht versucht das zu ueberpruefen, aber wenn es stimmt, dann scheint er sich sehr sicher zu sein, dass das mit dem Reflationieren klappt.


    Balkenchart

  • Hallo,


    laut Zero Hedge sind gestern wieder 24 Mrd USD an T-Bills zu Zinsen von unter 0.04% p.a. versteigert worden.


    Die Theorie, dass die Banken kurzfristige T-Bills brauchen, um ihre Bilanz zum 31.12.09 aufzupolieren, ist damit hinfaellig. Die Nachfrage besteht offensichtlich auch noch nach dem 1.1.10.


    Balkenchart

  • Hallo,


    egal, was mas liest, ob FAZ, ftd, Financial Times, oder was auch immer. Alle sind sich einig, dass die Zinsen auf Staatsanleihen in diesem Jahr kraeftig steigen werden und dass Japan bald massive Schwierigkeiten haben wird.


    Vielleicht muessen wir noch ein paar Jahre mit sehr niedrigen Zinsen leben, bis die Leute alle gelernt haben, dass eine Staatsverschuldung von ueber 100% BIP kein Problem ist, weil ein neues Zeitalter angebrochen ist, in dem die Marktzinsen ewig nahe null liegen.


    Balkenchart

  • Quote

    Original von Balkenchart
    Vielleicht muessen wir noch ein paar Jahre mit sehr niedrigen Zinsen leben, bis die Leute alle gelernt haben, dass eine Staatsverschuldung von ueber 100% BIP kein Problem ist, weil ein neues Zeitalter angebrochen ist, in dem die Marktzinsen ewig nahe null liegen.


    Meinst Du das ironisch? Das wäre immerhin theoretisch möglich und ich halte es durchaus für plausibel, daß es so kommen könnte (Wachstumsrate = 0 = reale Zinsen).

  • Naja ist aber schon ein Phänomen, dass wirklich ALLE von steigenden Zinsen ausgehen.


    Gut ob man auch dementsprechend handelt ist was anderes ;D Ich konnte mehrere Menschen selbst mit Engelszungen nicht davon abbringen 10-Jährige Anleihen mit einem Zins ~4% zu kaufen :-(

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  • ich kenne Leute, die wegen der Krise eine zusätzliche Lebensversicherung abgeschlossen haben...

    Das Drehbuch für den Untergang steht fest - es geht nur noch um den Preis für die beste Maske (H. v. Buttlar)

  • Naja das schlimme ist, dass diese Leute auch an steigende Zinsen glauben - und trotzdem langlaufende Anleihen kaufen!

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  • Quote

    Original von Matze
    Naja ist aber schon ein Phänomen, dass wirklich ALLE von steigenden Zinsen ausgehen.


    Also ich nicht. Aus mehreren Gründen:
    [list=1][*]Die Grenzrentabilität des Kapitals ist so gering, dass zu höheren Zinsen keine Kredite aufgenommen werden.
    [*]Es eine Schwemme von Anlagekapital, dass auch heute nicht weder von der Wirtschaft noch von privaten Haushalten, sonden nur von den Kapitalmärkten und den öffentlichen Haushalten aufgenommen wird.
    [*]Die Verschuldung der Staaten ist so hoch, dass sich die Regierungen keine höheren Zinszahlungen leisten können
    [*]Wegen 1 und 2 bleiben die Marktzinsen niedrig, wegen 3 bleiben die Zentralbankzinsen niedrig.
    [/list=1]
    Eine LV abzuschließen ist möglicherweise gar nicht mal so dumm, da diese einen Garantiezins bietet und genauso garantiert einen Bail-Out bekommt, wenn sie pleite geht.


    Der Staat kann sich beliebig verschulden, so lange er keine Zinsen für das aufgenommene Kapital zahlen muss. Tut er ja in Japan auch. Und man kann ja nicht sagen, dass die großen Kapitalinhaber wie die National Income Trusts viele Alternativen hätten.

  • Ist vielleicht dummes Zeugs, aber der Gedanke kommt mir gerade, was Einhorn macht mit dem Shorten von japanischen Staatsanleihen ist eigentlich mit wenig Risiko behaftet, denn tiefer als Null sollten die Zinsen nicht sinken können.

    Auch unsere Gedanken sind wircksame Factoren des Universums. Novalis


    Klimaneutralität ist kommunistische Planwirtschaft in neuem Gewand.

  • Quote

    Original von Lando
    Ist vielleicht dummes Zeugs, aber der Gedanke kommt mir gerade, was Einhorn macht mit dem Shorten von japanischen Staatsanleihen ist eigentlich mit wenig Risiko behaftet, denn tiefer als Null sollten die Zinsen nicht sinken können.


    Vor Kosten und Gebuehren, ja. Wenn Du das als Kleinanleger versuchst, zahlst Du bestimmt 10-20% p.a. um eine short-Position zu halten (Kosten von Zertifikaten, Rollverluste beim Future, usw). Als ganz grosser kommst Du vielleicht mit 5% p.a. weg, aber umsonst ist es nicht.


    Die Renditen (im Gegensatz zu den Coupons) koennen durchaus negativ werden, z.B. kann eine Auktion von Staatsanleihen so ausgehen, dass die Bieter ueber 100% fuer eine Anleihe mit Null-Coupon zahlen. Das kann passieren, wenn eine Flucht in die `Sicherheit' einsetzt oder wenn alle Deflation erwarten.


    Balkenchart


  • Ein paar Jahre lang kann das so gehen, aber es ist instabil und muesste zusammenbrechen, sobald Inflationserwartung aufkommt. Das geht dann so aehnlich wie 2003-2006. Zuerst gehen die Aktien und Anleihenpreise hoch, dann auch Rohstoffe, schliesslich faengt es an, auf die Verbraucherpreise durchzuschlagen. Dann fangen die Marktzinsen an zu steigen.


    Balkenchart

  • Jetzt ist es soweit: die Ausfallwahrscheinlichkeit der 125 bestbewerteten Unternehmen in Europa wird in CDS niedriger bewertet als die von 15 europäischen Ländern.
    http://www.ftd.de/finanzen/der…hmen/50059756.html?page=2


    Wie sieht es bei den Anleiherenditen aus? Bei einem Kreditereignis dürfte bei einem Staat noch mehr zu holen sein als bei einem Unternehmen (siehe Jamaica). Die Anleihen der Industrieländer rentieren wohl alle noch niedriger als die der Unternehmen. Griechenland aber nicht mehr. Ein Zykliker wie Lanxess (Baa3) bietet bis 2012 nur 2,5% p.a., Griechenland (A2) dagegen trotz etwas kürzerer Laufzeit 4,3% p.a.

  • Quote

    Zitat von Balkenchart
    Das geht dann so aehnlich wie 2003-2006.


    2003-2006 hatten wir aber einen echten konjunkturellen Aufschwung (auch wenn er an den Arbeitnehmern anfangs vorbeiging), nicht bloß einen an der Börse. Ein solcher dürfte im obigen Szenario kaum gemeint sein. Folglich auch nicht unbedingt die Inflation.