Of the 1%, by the 1%, for the 1% / Occupy?

  • Theoretisch könnte sich hierzu natürlich niemand bereit finden.


    Für meine Überlegung ob es sinnvoll ist so zu sparen schätze ich aber die jahrtausende lange praktische Menschheitserfahrung, daß dies immer so war, höher ein als diese theoretische Möglichkeit.

    Gold functions like the sun, with all currencies as planets orbiting around it, with only the sun in fixed position (Zijstra)

  • Hallo mobilpage,


    du hattest das Thema Entwicklung der Gesellschaft in Richtung feudaler Strukturen angesprochen.


    Ich denke das passt ganz gut in diesen Thread. Lies mal das Eingangsposting.


    Für Deutschland oder auch München, wo ich lebe, sehe ich es zwar noch nicht ganz so krass, aber bei London (genau genommen bei der "City of London", einer eigenen Rechtseinheit innerhalb Londons) tendiere ich dazu dir teilweise beizupflichten.


    Ich bin ja öfter beruflich dort, und, ich kann es nicht anders sagen, das soziale Gefälle dort widert mich teils tatsächlich an.


    Die Festung trennt sich nur etwas anders ab als im Mittelalter. Damals war da ein Burggraben rum, heute ist der Burggraben die Geburt.
    Es gibt dort Kreise, in die kann ein Normalsterblicher selbst mit Fleiss und Intelligenz praktisch nicht rein kommen. Da hilft es nur in die richtige Gilde geboren zu sein (ja, sowas gibts in der "City of London" noch, und das wird auch gelebt). Da wird geprasst und geschlemmt, dass es nur noch ekelhaft ist. Wie die Plörre schmeckt, egal, hauptsache die Pulle kostet mehr als 200 Pounds. Ich weiß es, ich war bereits live dabei.


    Gleichzeitig gibt es die ungleich größeren Kreise der Normalos, die mit der Miete kämpfen, sich keine Kinder leisten können (oder falls sie welche haben, in Armut verfallen), in irgendwelchen Kellern wohnen oder in WGs obwohl sie über 30 sind und nen guten Job haben und 50 Stunden die Woche schuften. Und dann gibt es das Heer der Inder und anderer Zuwanderer, die einfache Jobs machen und im Edelrestaurant zu Dutzenden beflissen und buckelnd um einen herumschwärmen.


    Naja, mein Ding ist es nicht, aber viele der Reichen dort scheinen dieses feudale Auftreten zu geniessen und schauen einen noch komisch an, wenn man zu einem der Dienstboten einfach normal freundlich ist.


    Deswegen bin ich ja ein solcher Verfechter der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Uns ist hier (bisher) ein großartiger Mittelweg gelungen.
    Der Wert der hiesigen relativ fairen Gesellschaft ist m.E. hoch genug um einige ökomomische Kosten zu rechtfertigen, auch wenn gewisse Kreise dann auch in Deutschland immer gleich allergisch reagieren.


    Aber auch hier ist wie im Rest der Welt die zunehmende Polarisierung nicht zu übersehen.
    Das ganze wird durch den aktuellen Aufschwung, wo es eben alle nach oben hebt, überdeckt.


    Da im Gegensatz zum Mittelalter heute mehr Transparenz herrscht und sich auch schwache Gesellschaftsschichten informieren und vernetzen können, wird das m.E. allerdings in der nächsten Wirtschaftskrise zu kräftigen Auseinandersetzungen zwischen den sozialen Schichten führen. Ein Vorbote war das Occupy von 2011. Damals wurde friedlich protestiert, das wird das nächste Mal m.E. nicht der Fall sein, da die Lehre für die Demonstranten war: Friedliches Camp nützt nichts. In der nächsten kräftigen Rezession tippe ich dann mal eher auf Demos ala Frankfurt neulich.


    Wohlgemerkt, ich wünsche mir das nicht.
    Ich wünsche mir vielmehr eine Einsicht auf Seite der reichen Schichten, dass soziale Fairness und geringfügiger Verzicht auf noch mehr Akkumulation auch ihnen was bringt.


    Und ich bin für Massnahmen, die Reichtum wieder an Arbeit, Fleiss, Intelligenz koppeln, nicht an Zufall der Geburt. Das wäre einfach machbar, z.B. mit 75% Erbschaftssteuer für alles überhalb von 500k EUR (oder welche Schwelle auch immer).
    Ich fürchte aber diese Einsicht kommt erst, wenn auf Seite der reichen Schicht die Angst vor Revolution umgeht. Das war in der Geschichte meistens so. Von alleine wurde selten verzichtet, egal wie reich die Reichen waren. (Ausnahme Deutschland nach WWII mit der sozialen Marktwirtschaft).


    wp

  • Und ich bin für Massnahmen, die Reichtum wieder an Arbeit, Fleiss, Intelligenz koppeln, nicht an Zufall der Geburt. Das wäre einfach machbar, z.B. mit 75% Erbschaftssteuer für alles überhalb von 500k EUR (oder welche Schwelle auch immer).


    Einfach nur auf reversion to the mean vertrauen, warum soll das nur bei Aktien gelten. Kluge Menschen haben früher oder später dumme Erben und die sind das Vermögen bald los.


    In UK gibt es eine ausgeprägte aristokratische Elite und die behandelt "ihr" Volk besonders mies. Das ist mir schon vor über dreißig Jahren aufgefallen. Hohe Mieten und Zinsen, niedrige Löhne, immer schon die höchsten Steuern auf Sprit, Tabak und Alkohol. Aber sie kommen, scheints, damit durch.

    Auch unsere Gedanken sind wircksame Factoren des Universums. Novalis


    Aus aktuellem Anlass: Government and banks are joined at the hip.

  • Ein wichtiger Faktor im UK, der die Mittelschicht ausbluten lässt (soll man das so sagen? - ich glaube, ja), sind die Immobilienpreise. Im Großraum London, womit ich z.B. Oxford, Cambridge und fast den ganzen Südosten einschließe, zahlst Du locker GBP 300000-350000 für ein kleines Einfamilien-Reihenhaus mit winzigem "Garten" ohne Sonne. In Deutschland würde man sagen, für ein winziges baufälliges Häuschen in schlechter Lage. Dabei sind die Gehälter, außer in der City vielleicht, gar nicht höher als bei uns. Für vergleichbare Häuser hättest Du vor 5 Jahren hier vielleicht EUR 100000 gezahlt. Eigentlich müsste man grundsätzlich immer zwei nebeneinander kaufen, abreißen und dann ein neues bauen.


    Und die Regierung tut alles, um den Immobilienmarkt zu stützen und die seit 20-25 Jahren überfällige Bereinigung abzumildern bzw ganz zu vermeiden. Aktuell bekommst Du eine staatliche Beihilfe, wenn Du Dir Deine erste Hütte nicht leisten kannst.... und dabei fährt die Regierung ein Haushaltsdefizit ...


    Keep Calm and Borrow !


    Balkenchart

  • Ich hab's schonmal anderswo geschrieben: ich bin froh, nicht mehr im UK zu sein - das Haus im Großraum London (3 bedroom end of terrace, gebaut in den 90ern, allerdings super Lage und ziemlich großer Garten), das wir vor sechs Jahren gemietet hatten (und das jetzt zu klein wäre, denn das dritte Schlafzimmer war eher eine Abstellkammer), könnten wir uns jetzt nicht mehr leisten. Es war vor ein paar Monaten sogar zum Verkauf ausgeschrieben, und die Eigentümer wollten 380.000 GBP dafür haben. Bisher ist es aber lt. den einschlägigen Datenbanken noch nicht verkauft worden.

    "Foreign aid is a phenomenon whereby poor people in rich countries are taxed to support the life-styles of rich people in poor countries" - Lord Peter Bauer

  • Naja das ist in Deutschen Ballungsgebieten aber nicht viel anders. Im Grossraum Köln/Düsseldorf (da führe ich sporadisch seit 4 Jahren Buch via Evernote und Immoscout) sind die Mieten für gleiche Immobilien um 30-40% gestiegen - ähnlich die Kaufpreise.


    Ist ja auch logisch: ich kenne nur wenige die in der jetzigen Situation und bei den Zinsen kaufen nicht als "No-Brainer" beschreiben. (wahrscheinlich ist es genau da - no brain....)


    Da sind Kaufpreise von 300-500 Tsd Euro auch keine Seltenheit mehr. Waren gerade bei Freunden: die haben direkt in Leverkusen in der Nähe von Bahngleisen mit Güterverkehr rund 150 m2 für 490.000€ oder so gekauft... Günstig ist auch anders...

    Value investing is at its core the marriage of a contrarian streak and a calculator - Seth Klaman

  • In Großraum München bekommt man momentan eine Doppehaushälfte mit eine Handtuch-Garten nicht unter 750 Tsd EUR, mit Ubahn Anschluss ist man bei einer Mio. Quadradmeterpreise sind bei Wohnungne in guten Lagen jetzt bei 8000-10000 EUR.


    Wie Matze gesagt hat, wird das alles mit den niedrigen Zinsen gerechtfertigt. 1% auf eine Mio ist schliesslich nur 833 EUR im Monat.....Alleine im engeren Bekanntenkreis haben in den letzten 2 Wochen gleich 3 (!!!) die Nerven verloren und gekauft, jeweils zu oben genannten Preisen. Immerhin machen sich die wenigsten noch Illusionen dass es ein gutes Investment ist.


    Aber die Kombination Euroangst, 1% Kredit und negative Zinsen aufs Sparkonto kombiniert mit steigeneden Immopreisen und "Real assets" führt dazu, dass alle Hemmungen fallen.



    Edit: Nachdem ich irgendwie meine Immoscout Suche nicht abstellen kann, schaue ich mir immer wieder mal die Mietangebote and. die Mieten haben sich m.E. seit 1-2 Jahren auf einem stabilen, hohen niveau eingependelt. ungefähr 15 EUR-20 EUR kalt für gute wohnungen in guter lage. Auf die 8000-10000 EUR ist man dann bei knapp 2% "Mietrendite" vor Abschreibungen etc. oder um Mal einenVergleich zu Aktien zu bekommen: 50x EV/EBITDA.


    Im Vergleich dazu sehen Aktien immer noch sehr sehr billig aus.


    Edit 2: Bei Immobilien kann man auch ohne CAPM und Statistik recht einfach sehen, welche Einflüsse niedrige Zinsen auf bezahlte "Multiples" haben.

  • Ja, ja der homo oeconomicus, der rational rechnet ...


    Also, bei 2,5% Mietrendite dürfte doch niemand kaufen oder gar bauen, sondern müssten alle mieten ...

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  • Ja, ja der homo oeconomicus, der rational rechnet ...


    Also, bei 2,5% Mietrendite dürfte doch niemand kaufen oder gar bauen, sondern müssten alle mieten ...


    Mit dieser Meinung bin ich auf irgendwelchen Parties etc. mittlerweile der Einzige und werde schräg angeschaut. Es ist schon interessant, so eine Blase aus nächster Nähe mitzuerleben, inkl. aller damit einher gehenden psychologischen Aspekte.

  • Der Unterschied zwischen Kaufen und Mieten hat andere Aspekte. Mietimmobilien sind selten hochwertig ausgestattet, als Eigennutzer gönnt man sich dann doch eher eine teure Küche, Parkett, Fußbodenheizung und etwas teurere Fliesen im Badezimmer.


    Wir haben dann letztes Jahr auch noch in Berlin eine Wohnung gekauft und etwa €3400/qm im Neubau gezahlt. Gegen den Nestbautrieb meiner Frau konnte ich mit finanziellen Kennzahlen nicht mehr argumentieren. Da wir mittlerweile zwei Kinder haben, war die alte Mietwohnung sowieso zu klein. Für 30% mehr Miete hätten wir aber auch nur vergleichbaren Wohnraum gekommen, ein Umzug würde so oder so zu erheblichen Mehrkosten führen.


    Wir haben auf 5 Jahre zu 1,99% finanziert, das sind €5,60/qm an Kapitalkosten im Monat. Wenn man über 50 Jahre abschreibt, kommen die gleichen Kosten hinzu. Ich würde den Marktwert der Wohnung beim Vermieten ebenfalls bei €10-11/qm sehen.


    Wir haben es aber nicht so herum gemacht, dass wir wegen der niedrigen Zinsen uns teureren/größeren Wohnraum gegönnt haben, sondern sind innerhalb unseres Budget geblieben und haben die Tilgung etwas höher angesetzt. Man sollte mE sich ein Ziel setzen, über welche Dauer man den Kredit abzahlen möchte, z.B. waren früher 30 Jahre üblich. Die Höhe der Gesamtschuld im Bezug zum Einkommen bleibt damit dann automatisch im Rahmen.


    Heute gehe ich fast davon aus, dass bei der Verlängerung der Kredites ein Zins nahe 1% herauskommen könnte. Ich würde das aber auch nur insofern nutzen, dass ich nicht dir Raten reduziere, sondern die Tilgung entsprechend erhöhen werde,

    Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers

    Edited once, last by nixda ().

  • Ja, die psychologische Wirkung der niedriegn (nominal-)Zinsen in der Form von ausbleibenden, vorher als sicher geglaubten (nominalen) Erträgen, ist enorm.


    Dabei ist es gerade jetzt wegen der niedrigen Inflation so günstig wie nie, Bargeld zu halten.


    Balkenchart

  • Aus der SZ


    21. Mai 2015, 12:31 Uhr
    OECD zu sozialer Ungleichheit
    Je ungleicher, desto ärmer

    http://www.sueddeutsche.de/wir…er-desto-aermer-1.2488493


    Ich finde diesen Trend sehr bedenklich.
    Denn die Geschichte zeigt, dass derlei meist in unruhigen Zeiten / Revolutionen usw. endet, und das ist in der Regel für alle sehr unangenehm.
    Besser wäre, die Gesellschaften schaffen es diesen Trend rechtzeitig zu stoppen. Wollen wir es hoffen. Für Deutschland / Europa halte ich das sogar für möglich, bei USA, UK (die "winner" in Punkto Ungleichheit) eher für unwahrscheinlich. Obwohl die USA einen ja immer wieder überraschen.


    wp


    Edit: Witziger Link aus dem Artikel zur eigenen Positionierung in der Gesellschaft. Ich dachte ich würde da Bescheid wissen, aber es kamen einige Überraschungen raus.
    http://www.oecd.org/statistics/compare-your-income.htm

  • Ich halte solche Studien regelmässig für groben Unfug. Es ist doch systeminhärent, dass die Reichen über einen langen Zeitraum absolut mehr verdienen als die Armen. Und das der Quotient steigt auch...


    sagen wir wir vergleichen einen Arbeiter mit 100€ im Jahr und einen Millionär der sein Kapital produktiv anlegt. Mit 10% Rendite wird der Millionär mit 100.000€ ~1000x mehr als der Arbeiter verdienen. In sieben Jahren wird der Millionär wahrscheinlich einen Kapitalstock von 2 Mio haben und 200.000€ pro Jahr verdienen, während der Arbeiter wahrscheinlich nicht 7% Arbeitslohn-Steigerung haben wird. Damit steigt der Quotient fast zwangsläufig.


    Ich persönlich habe überhaupt kein Problem damit, dass die Bill Gates, die Sergej Brins dieser Welt X-1000x mehr als wir verdienen. Weil sie die Welt weiter gebracht haben. Ich habe ein Problem damit, wenn das Kapital ohne wesentliche Steuer weitervererbt wird und wenn die Rahmenbedingungen für "gute neue Milladäre" schlecht macht...
    (gut =Unternehmer die etwas aufbauen nicht Oligarchen die etwas unter den Nagel reissen)

    Value investing is at its core the marriage of a contrarian streak and a calculator - Seth Klaman

  • Es ist doch systeminhärent, dass die Reichen über einen langen Zeitraum absolut mehr verdienen als die Armen. Und das der Quotient steigt auch...


    Durchaus richtig. Nur ändert diese Erkenntnis leider nichts an der daraus folgenden Polarisierung der Gesellschaft.


    Noch so eine Erkenntnis: Insbesondere in den letzten 30 Jahren haben wir durch die Öffnung der Märkte den Effekt, dass die Arbeitsmarktkonkurrenz mehr und mehr weltweit wird und darunter in den westlichen Staaten insbesondere die geringer qualifizierten Bürger leiden. Deren Jobs sind nicht nur am einfachsten zu automatisieren sondern auch zu exportieren. D.h. sie konkurrieren in besonderem Masse mit der Arbeitskraft aus der Dritten Welt. Das gibt entsprechenden Druck auf die Löhne. Im Gegenzug verhungern dafür heute deutlich weniger Leute in der Dritten Welt als vor 30 oder 50 Jahren.

  • Matze :
    Nein, das ist kein Unfug.
    Denn wenn das Wachsen der Schere tatsächlich systemimmanent ist, also die "Ärmeren" trotz Anstrengung keine Chance haben aufzuholen, sondern im Gegenteil immer ärmer werden, auch wenn sie intelligent und leistungswillig sind - denn genau das sagt die Studie! - dann ist das durchaus ein Problem:


    Erstens schadet es dem Wachstum.
    Denn der von dir genannte Millionär wird irgendwann mitsamt seiner Erben nix mehr tun müssen, sich nicht mehr anstrengen, mithin unproduktiv sein.
    Die armen Schichten können ihr Potenzial aber mangels Bildung nicht entfalten, sind mithin auch unproduktiv. (Das wäre m.E. eine der von dir sog. schlechten Rahmenbedingungen, denn wer weiß wieviele Bill Gates unter denen schlummern?)


    Der Endzustand wäre am Ende in etwa das was im Mittelalter herrschte. Reiche Schicht die sich vererbt ohne groß Leistung zu bringen, und arme Schicht, die arm bleibt, egal was sie leistet.


    Zweitens zeig die Geschichte, dass es seit dem Ende des Mittelalters in dem meisten Gesellschaften zu diesem Endzustand nicht mehr kommt, sondern die Gesellschaft irgendwann in einen meist unerfreulichen Umbruch stürzt der die Besitzverhältnisse, die Macht, das Rechtssystem etc. neu sortiert.
    Diese Umbrüche sind i.d.R. erstmal sehr unangenehm für ALLE Teile der Bevölkerung, sie gehen mit viel Kollateralschaden, Ungerechtigkeit und Ineffizienz einher. Daher ist es wünschenswert die Spannung nicht so weit steigen zu lassen.


    Bei der Methode das zu erreichen, wäre ich garnicht so weit von dir entfernt:


    Hohe Einkommen für hohe Leistung, kein Problem. Selbst erarbeitetes Vermögen auch nicht.


    Die Fakten sind aber andere:
    Die ständige Vergrößerung der Schere kommt durch das Vererben der Vermögen zustande und durch die Vorselektion per Geburt wer gute Bildung bekommt und wer nicht.
    Das hat dann mit Leistung nichts mehr zu tun, sondern ist - wie im Mittelalter eben auch - einfach eine Frage des Glücks, also der richtigen Geburt.


    Daher wäre eine sehr hohe Erbschaftssteuer kombiniert mit geringer Einkommenssteuer und freier Bildung m.E. das Mittel der Wahl.
    Aber vielleicht gibt es auch noch andere Wege.


    wp


  • Noch so eine Erkenntnis: Insbesondere in den letzten 30 Jahren haben wir durch die Öffnung der Märkte den Effekt, dass die Arbeitsmarktkonkurrenz mehr und mehr weltweit wird und darunter in den westlichen Staaten insbesondere die geringer qualifizierten Bürger leiden. Deren Jobs sind nicht nur am einfachsten zu automatisieren sondern auch zu exportieren. D.h. sie konkurrieren in besonderem Masse mit der Arbeitskraft aus der Dritten Welt. Das gibt entsprechenden Druck auf die Löhne. Im Gegenzug verhungern dafür heute deutlich weniger Leute in der Dritten Welt als vor 30 oder 50 Jahren.


    Sehr gut beobachtet. Im globalen Maßstab könnte es sogar sein, dass sich die Einkommens-Schere schließt und nicht erweitert. Man muss ja nur mal die Osteuropäer (PL, HU, CZ, SK) fragen, ob sie gerne ihr altes sozialistisches System zurück hätten, in dem alle viel gleichere Einkommen hatten...


    Und auch bei uns in DE bedeutet eine sich öffnende Schere nicht unbedingt eine Verschlechterung der Situation für das ärmste Zehntel. Absolut betrachtet hat ein Sozialhilfeempfänger heute ein besseres und komfortableres Leben als die meisten Adligen vor 300 Jahren. In den Sozialwohnungen heute hast du winddichte Fenster, fließend kalt und warm Wasser, Zentralheizung, eine Einbauküche, Strom, eigenes Bad und Toilette in der Wohnung - lauter Sachen, die noch vor 120 Jahren absoluter Luxus für die Oberschicht waren. Heute in DE muss keiner mehr verhungern oder erfrieren, auch keiner der Allerärmsten.


    Der Vorteil des kapitalistischen Systems ist, dass es eben doch für jeden möglich ist, als Unternehmer durch Innovationen reich zu werden. Und diese Innovationen heben nach kurzer Zeit den Lebensstandard für die gesamte Bevölkerung. Vergleicht mal die Ausstattung eines Luxusautos von vor 50 Jahren mit der eines heutigen Kleinwagens. Oder seht Euch die Entwicklung der Lebenserwartung an.


    edit: Was die Behauptung von wp betrifft, die ärmeren Schichten hätten schlechtere Bildungs-Chancen als die Reichen: Alle haben die gleichen Chancen - ob sie die Chancen auch nutzen, ist eine andere Frage. Jedenfalls hat jeder Zugang zu kostenlosen Schulen und Universitäten, und der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung wächst seit Jahrzehnten.

    "Manchmal ist nichts zum Thema schreiben auch eine Lösung."

    nixda


  • Absolut betrachtet hat ein Sozialhilfeempfänger heute ein besseres und komfortableres Leben als die meisten Adligen vor 300 Jahren.


    Auch im Vergleich mit vor nur 50 Jahren ist die Kaufkraft für alle Schichten gestiegen. Ich habe mir vor einiger Zeit mal den Spass gemacht, die inflationsbereinigte Kaufkraft der Einkommensdezile BRD und USA aus den 1960ern und heute zu vergleichen. Aus USA gibt es eine wunderschöne staatliche Aufbereitung dazu, in der BRD musste ich die Daten sehr mühsam zusammensuchen.
    Die Kaufkraft ist seither für jedes Dezil gestiegen. Allerdings muss man auch sagen, dass es (grob aus der Erinnerung) für das unterste Dezil vielleicht eine starke Verdoppelung war, für das zweitunterste nur etwa 50%, dagegen für die obersten Deziele eine Vervielfachung.


    Edit: tippfehler

  • Erbschaftssteuer ist ungerecht, weil das Vermoegen zu lebzeiten des Verstorbenen bereits versteuert wurde.
    Statt Erbschaftssteuer kann man auch direkt ansetzen: Besteuerung waehrend der Besitzer noch lebt. Wozu warten bis er stirbt?
    Letzten endes: der Zinseszins ist der wahre Schuldige. Doch selbst wenn es diesen Effekt nicht gaebe, es wuerden sich dennoch ungleiche Vermoegensverhaeltnisse entwickeln.
    Man koennte das System verbessern (vielleicht) indem der Staat sagt, dass er nicht mehr als 5% des Steueraufkommens fuer den Schuldendienst ausgibt. Wer immer Geld in Staatsanleihen investiert, muss sich die maximale Zahlung (5%) mit allen anderen Glaeubigern teilen. Wie nun das im Detail genau erreicht wird? Keine Ahnung. Aber jedenfalls, mit anwachsenden Schulden (Schulden = Vermoegen auf der anderen Seite) wird der Zins auf das angelegte Vermoegen entweder immer kleiner, oder die Vermoegen wachsen mit dem Wirtschaftswachstum im Gleichschritt.
    Tja, es gaebe wohl noch viel rumzudoktorn - hier und da. Z.B. wie verhindert man, dass Grundstuecke ueberproportional teurer werden?

    Früher war sogar die Zukunft besser.

    Edited once, last by Joe ().


  • ...
    Der Vorteil des kapitalistischen Systems ist, dass es eben doch für jeden möglich ist, als Unternehmer durch Innovationen reich zu werden. ...


    Nein, das ist eben grade nicht der Fall.
    Schau mal in der Hauptschule vorbei wo meine Frau unterrichtet.
    ...und vergleich die Startbedingung dann mal mit dem Starnberger Kids die zum 18ten nen SLK geschenkt bekommen.
    Was soll daran gerecht sein? Oder effizient?
    Das ist Augenwischerei zu sagen: Kann doch jeder Unternehmer werden.


    Quote


    edit: Was die Behauptung von wp betrifft, die ärmeren Schichten hätten schlechtere Bildungs-Chancen als die Reichen: Alle haben die gleichen Chancen - ob sie die Chancen auch nutzen, ist eine andere Frage. Jedenfalls hat jeder Zugang zu kostenlosen Schulen und Universitäten, und der Anteil der Akademiker an der Gesamtbevölkerung wächst seit Jahrzehnten.


    In Deutschland ja, zum Glück.
    Daher sagte ich ja auch, hier besteht die Hoffnung dass sich das reguliert.
    Wobei, auch hier nur bedingt, Durchlässigkeit des dt. Schulsystems ja bekanntlich auch miserabel.


    In UK und USA?
    Nada. Falsche Uni, falsche Schule (die richtigen SEHR teuer) -> extremer Startnachteil.


    Diese Unterschiede der Startbedingung sind es die ich anprangere.
    Diese Ungerechtigkeit erachte ich als wesentlich gewichtiger als die von Joe angesprochene Doppelbesteuerung.
    Das eine sind ein paar Mark weniger auf dem Konto, das andere ist ein hoffnungsloser Startnachteil, der das ganze Leben prägen wird.


    Das ist es was die OECD Studie ja sagt: Armut / Reichtum verfestigen sich.
    Warum soll das gerecht sein? Kapier ich nicht.


    wp