• Ich mach hierzu mal einen eigenen Thread auf, da diese Thema die nächsten Jahre sehr interessant werden und vermutlich starke Auswirkungen auf UK-Aktien und Wechselkurse haben wird.


    Ich würde sogar so weit gehen, dass hier eine signifikante Weichenstellung in Europa auf uns zu kommt.


    Mit der Bitte um Schwerpunkt auf möglichst objektivem Informationsaustausch zur Entwicklung im UK und den Implikationen, nicht auf die Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit der EU.


    Aktuelle Situation Jan 2013:


    Entgegen dem, was man vielleicht vor einem Jahr erwartet hätte, könnte der erste Austritt aus der EU nicht Griechenland, sondern das UK sein.


    Cameron hat heute wie erwartet ein Referendum dazu in 2015-2017 angekündigt:


    http://www.sueddeutsche.de/pol…bstimmen-lassen-1.1580675


    Allgemein ist die EU-Skepsis im UK (zumindest meiner Beobachtung nach) aktuell auf dem Hochpunkt.
    Befeuert wurde das Sentiment durch die EUR-Krise, durch die sich viele im britischen Weg bestätigt gefühlt haben. Mittlerweile wird mit der EUR-Krise auch gerne die schwächelnde Wirtschaft im UK begründet (Sündenbock?).
    Die zunehmende deutsche Dominanz wird ebenfalls äußerst skeptisch beäugt - gerne wird auch immer öfter mal wieder "the war" und die Rolle der Deutschen darin angeführt.


    Mittlerweile hat das ganze eine gewisse Dynamik gewonnen, aus der es wohl schwierig ist wieder raus zu kommen:


    - Das UK hat in den letzten Jahren teilweise recht rabiat seine Positionen deutlich gemacht, und zur Durchsetzung implizit mit Austritt / Veto gedroht.
    - Entsprechend verschnupft sind andere Nationen. Im (schon immer sportlichen) Verhältnis zu Frankreich kann man schon fast von eisigen Zeiten sprechen.
    - Sich jetzt wieder an die EU anzunähern wird schwierig für das UK, ein solches Einlenken würde erhebliche Eingeständnisse bedeuten und einen Bedeutungsverlust des UK, mit entsprechenden innenpolitischen Folgen.
    - Ein "Weiter wie bisher" geht m.E. auch nicht, dazu ist der Graben mittlerweile zu tief und die Beziehung schon zu belastet.


    -> Die tatsächliche Durchführung des Referendums als quasi einziger Ausweg ist damit m.E. sehr wahrscheinlich.


    Für die europakritischen Briten unerfreulich ist allerdings, dass der Rückhalt an verschiedenen Fronten bröckelt - für das UK besteht die ernste Gefahr bald alleine dazustehen (könnte man damit leben?):


    - Die Wirtschaft schreckt vor einem EU-Austritt naturgemäß zurück
    - In Schottland gibt es Bestrebungen, ebenfalls ein Referendum, in diesem Fall zum Ausstieg aus dem UK, abzuhalten. Die Befürworter waren durch die EUR-Krise sehr in die Defensive geraten, sollte der EUR sich aber wieder fangen, kann sich das schnell ändern.
    - Die USA haben kürzlich ungewöhnlich deutlich gemacht, dass sie einen Ausstieg des UK nicht befürworten, und dass dies die Beziehungen UK-USA schädigen würde (Im UK hatte man immer das Gegenteil gehofft).


    Alles in allem wirklich spannend.


    Mein persönlicher Tipp aktuell:


    Es kommt zum Referendum, und das UK bleibt in der EU.
    (Das wäre natürlich ein herber Schlag für das Selbstbewußtsein dort.)


    Wie seht ihr die Lage?
    Und wie schätzt ihr mögliche Auswirkungen auf UK Aktien und GBP/EUR ein?


    Gruß,
    Woodpecker

  • Die Ankündigung eines Referendums ist zunächst erst einmal der Versuch, auf der rechten Seite Stimmen zurückzugewinnen, die an die UKIP verlorengegangen sind. Falls die Konservativen also 2015 im Amt bleiben, wird das Referendum auch durchgeführt werden.


    Das Referendum in Schottland über die Abspaltung Schottlands vom UK wird schon im Herbst 2014 durchgeführt. Ob es Erfolg haben wird, wage ich nicht zu beurteilen. Im Gegensatz zu den Engländern sind die Schotten eher europafreundlich. Ein eigenständiges Schottland würde sicher in der EU verbleiben, umgekehrt allerdings würde der Prozentsatz an europafreundlichen Briten abnehmen.


    Obwohl ich längere Zeit im UK gelebt habe, würde ich mich nicht trauen, eine belastbare Aussage über den Ausgang des EU-Referendums zu machen. Die EU wird auch von gebildeten Leuten mit Mißtrauen betrachtet, und der Euro (um den es hier ja nicht geht) ist sowieso ganz inakzeptabel. Allerdings merken die Briten langsam, dass ihre Währung noch weniger stabil ist (die BofE druckt ja auch am fleißigsten Geld), vielleicht findet darüber ein Umdenken statt.


    Ein Austritt Großbritanniens aus der EU wäre meiner Ansicht nach von Nachteil für den Finanzplatz London, umgekehrt würde Frankfurt davon wahrscheinlich profitieren. Auch die Position des UK als spezieller Verbündeter der USA würde meiner Ansicht nach dadurch eher geschwächt als gestärkt.

    "Foreign aid is a phenomenon whereby poor people in rich countries are taxed to support the life-styles of rich people in poor countries" - Lord Peter Bauer

  • Ich gehe davon aus, dass GB in 5-10 Jahren dem Euro beigetreten ist. Offenbar haben sie es nicht gechafft, einen Beitritt vorzubereiten, solange das GBP noch in ruhigem Fahrwasser ist. Daher werden sie leider erst in Panik geraten und dann um einen Beitritt zur Eurozone betteln muessen. Sie werden natuerlich aufgenommen werden und werden aber die "Privilegien" (d.h. die mangelnde Regulierung) des Bankenplatzes London verlieren.


    Balkenchart


  • Dummer Schachzug. Zumindest geht jetzt nicht mehr gegen die EU zu wettern, im sicheren Bewusstsein, dass man sowieso nicht aus der EU herausgeht.


    Wenn das Referendum Pro-EU ausgeht, dann sollte die Diskussion im UK erst einmal beendet sein und es wird keine UK Sonderwürste mehr geben.


    Wenn das Referendum gegen die EU und für den Austritt ausgeht, dann haben sich die Briten selbst ein Bein gestellt.


    So oder so ist die britische Position nachher schwächer in der EU.

    Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers

  • UK kommt in den Fokus "der Spekulanten":


    http://www.handelsblatt.com/fi…ssbritannien/7913534.html


    Grade zurück von Geschäftsreise London.
    Wie üblich querbeet Leute auf die globalen ökonomischen Lage angesprochen:


    EUR-Bashing ziemlich verhalten momentan.
    Ein Ami sagte sogar (sowas hab ich von Amis vorher noch nie gehört), er glaube der USD sei im Untergang begriffen uns so schlecht stehe der EUR doch gar nicht da. Ungewöhnlich, die Amis sind ja sonst recht patriotisch in solchen Dingen.


    wp

  • Mal wieder ein Update zur Stimmung UK/EU, anlässlich einer Geschäftsreise dort neulich (Sollte mir langsam mal ne Zweitwohnung dort zahlen lassen, so oft wie die Firma einen dort hin schickt).


    Die Briten sind doch sehr merklich zurückhaltender geworden was Kritik an Europa/den Euro anbelangt.


    Und durch die Bank herrscht hoher Respekt für Deutschland und absolute Achtung vor "Mrs Merkel", ihr Ruf im Ausland ist mehr als gut.


    Was für ein Unterschied wenn man nur zwei Jahre zurück schaut, als dort eine regelrecht schadenfrohe Hetz-Stimmung gegen Europa herrschte.
    Immer wieder faszinierend wie die langen Zeiträume im Eifer des jeweils gegenwärtigen Gefechts (damals EUR-Krise) übersehen werden.


    Auf der anderen Seite droht von der Schottischen Separatistenfront aktuell kaum mehr Gefahr (zur Erinnerung: nächstes Jahr wird hierzu abgestimmt in Schottland).


    Dort sind laut Umfragen nur noch ca. 30% für eine Abspaltung, ähnlich das Stimmungsbild bei zwei Schotten mit denen ich Gelegenheit hatte nach der Arbeit im Pub zu sprechen (also um halb 5, die Briten arbeiten entgegen der hier verbreiteten Meinung nicht wirklich hart, zumindest nicht in der Londoner City, dem Herz der kapitalistischen Welt) .
    Naja, sprechen ist übertrieben, das war schon eher Lallen, das ein oder andere Bierchen hatten die schon drinne, vermutlich gleich nach dem Lunch im Pub versackt (auch üblich in der London City, auf seine Art ist das da ähnlich verkommen wie in Griechenland).
    Nun ja, aber in vino ist ja immerhin veritas und so... :)


    Die sinkende Begeisterung der Schotten für Abspaltung läge u.a. daran, dass Merkel neulich in Berlin klarmachte, dass ein souveränes Schottland nicht automatisch der EU zugehören würde sondern einen ganz normalen Beitrittsprozess durchlaufen müsse.
    So ganz alleine will man dann in Schottland wohl doch ungerne dastehen.


    wp

  • Kopiert von Al String aus dem Fragen-Thread.


    Ein solches (wenn auch zartes) Eingeständnis in Richtung "pro Europa/EU" im Economist ist mehr als bemerkenswert.


    Normalerweise ist es zumindest in der London City schon eine Art no-go sich positiv zur EU zu äußern.


    Ich fürchte Cameron / die Briten haben sich in eine etwas ungünstige Position navigiert und merken das langsam.


    Wird spannend wie sie da wieder raus kommen.


    wp

  • Zitat

    Original von woodpecker
    Kopiert von Al String aus dem Fragen-Thread.


    Ups, da muss ich wohl was verwechselt haben. Ich wollte es in diesen Thread als Bestärkung schreiben. Danke, dass du es auch so herkopiert hast. :-)

    "(vii) His first priority would be reservation of much time for quiet reading and thinking, particularly that which might advance his determined learning, no matter how old he became; and
    (viii) He would also spend much time in enthusiastically admiring what others were accomplishing."


    (Ausschnitt aus Charlie Mungers Jobbeschreibung für den Chairman von Berkhire Heathaway, BH-Aktionärsbrief anno 2015)

  • Zitat

    absolute Achtung vor "Mrs Merkel", ihr Ruf im Ausland ist mehr als gut.


    Um deine Datenbasis für diese empirische Untersuchung besser abzusichern solltest du vielleicht mal nach Spanien fahren. ;)


    Zitat

    die Briten arbeiten entgegen der hier verbreiteten Meinung nicht wirklich hart, zumindest nicht in der Londoner City, dem Herz der kapitalistischen Welt


    Im Herz der kapitalistischen Welt (du meinst das Finanzzentrum) soll hart gearbeitet werden? So naiv kannst nicht einmal du sein um das zu vermuten. ;)


    Zitat

    Die sinkende Begeisterung der Schotten für Abspaltung läge u.a. daran, dass Merkel neulich in Berlin klarmachte, dass ein souveränes Schottland nicht automatisch der EU zugehören würde sondern einen ganz normalen Beitrittsprozess durchlaufen müsse.


    Dasselbe Spielchen, daß man mit den Katalanen für den Fall deren Abspaltung von Spanien betreibt.
    Laut geltendem EU-Recht sind alle Schotten und alle Katalanen EU-Bürger. Was eine souveräne demokratische Entscheidung dieser Minderheiten an diesem Status Quo ändern sollte, das müsste mir erst mal ein Staatsrechtler erklären (dir vermutlich nicht). Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, daß es sich hierbei um reinen Machtmißbrauch handelt.

    Gold functions like the sun, with all currencies as planets orbiting around it, with only the sun in fixed position (Zijstra)

    Einmal editiert, zuletzt von vinas ()

  • Zitat

    Original von vinasLaut geltendem EU-Recht sind alle Schotten und alle Katalanen EU-Bürger


    Gibt es ein EU-Staatsangehörigkeit. Dann hätte ich zukünftig auch gerne einen doppelte Staatsangehörigkeit: Deutsch und EU. ;-)


    Ich denke, es ist wie mit einfachen Vereinen: Wenn sich Leute aus einem Verein abspalten und einen neuen Verein aufmachen, müssen sie sich beim entsprechenden Dachverband neu anmelden, um da mitspielen zu können. Manchmal reine Formalie, manchmal eine verdammt hohe Hürde. Gerade wenn der Verein, von dem abgespalten wurde, dabei Knüppel in den Weg wirft.
    Hier sind halt die Nationalstaaten die Vereine und die EU der Dachverband.
    Ich denke, falls die Engländer eines Tages die EU verlassen haben, würde man Schottland mit Kusshand aufnehmen - die Einwände der Engländer wären eher noch Bestätigung. Da die Spanier m.W. nicht an ein Verlassen der EU denken, könnten ihre Einwände gegen eine schnelle Aufnahme von Katalonien eine erhebliche Verzögerung mit sich bringen.

    "(vii) His first priority would be reservation of much time for quiet reading and thinking, particularly that which might advance his determined learning, no matter how old he became; and
    (viii) He would also spend much time in enthusiastically admiring what others were accomplishing."


    (Ausschnitt aus Charlie Mungers Jobbeschreibung für den Chairman von Berkhire Heathaway, BH-Aktionärsbrief anno 2015)

  • Vom Bitcoin-Thread hierher kopiert.


    Zitat

    Original von qed1984


    ...
    2. Deine Analyse von der Lage Großbritanniens ist meiner Meinung nach von Wunschvorstellungen und Vorurteilen überlagert.


    Nein, ich glaube so einfach ist es nicht.


    (Mir geht es übrigens nicht darum welches Land "Recht" hat. Wie provinzler richtig schrieb ist das immer eine Frage der Perspektive. Mir geht es drum zu verstehen warum die Welt ist wie sie ist und warum Dinge passieren wie sie passieren...und mit etwas Glück sogar Investmentideen daraus abzuleiten)


    UK hat ja nicht nur ein Problem mit dem Euro sondern schießt eigentlich immer quer wenn es um stärkere Integration irgendeiner Art geht.


    Sie erkennen den Wert der EU, der über den reinen Binnenmarkt rausgeht, nicht wirklich an, und zwar m.E. zumindest teilweise aus den oben genannten Gründen.
    Als sie selber einer solchen riesigen Struktur vorstanden (dem Commonwealth), hatten sie übrigens keine Vorbehalte gegen Bürokratie, Zentralisierung, Länderübergreifende Währung etc.
    Würdest du sie zu den Chefs innerhalb der EU machen, wären alle Bedenken schnell verflogen, da bin ich sicher.


    Zitat


    Die Schmerzen werden sich in Grenzen halten, während die US-UK Geheimdienste (siehe 5 eyes Koooperation) den Rest der Welt abhören, die Militärkooperation weiterhin eng ist, die special relationship (US UK) weiterhin intakt ist....


    Die Frage ist, bleibt die special relationship mit einem GB außerhalb der EU erhalten? Obama hat das bereits klar beantwortet: Nein (s.oben in diesem Thread).


    Zitat


    Aus Sicht des UKs gibt es keine Gründe Macht (wie z.B. Strasburg als oberstes Gericht, Eu "Parlament" als Gesetzgeber für ganz Europa) an ein undemokratisches, korruptes Brüssel/Strassburg abzugeben und eigene gewachsene Institutionen zu entmachten. Die Bedeutung der Handelsvorteile der EU werden überschätzt, Zugang zum Binnenmarkt kann auch über sonstige Verträge (siehe Schweiz, Norwegen, etc) erhalten werden, ohne Zahlungen in den Eu Haushalt (zum Eu Haushalt siehe meine Postings im Lage Thread) und Aufgabe von Souveränität.


    Ja, aus rein Britischer Sicht stimmt das vermutlich, daher ja eben meine These, sie wünschen heimlich einen Zerfall der EU.
    Denn das wäre aus ihrer Sicht logischerweise einem Weiterexistieren der EU ohne sie vorzuziehen. Mit "nur" einen Schweiz-Status im Schatten der EU wären sie 100%ig nicht sehr zufrieden.


    Zitat


    Wird bei den Briten letztlich Trotz und Stolz auf die "splendid Isolation" oder der in Jahrhunderten gelernte Pragmatismus der Händlernation überwiegen?


    Der Pragmatismus der Händlernation wird überwiegen, da bin ich ziemlich sicher.
    Goldman Sachs ist ja schonmal vorgeprescht und droht beim Austritt abzuwandern (in die Finanzprovinz, nach Frankfurt oder Paris!).
    http://www.faz.net/aktuell/wir…-aus-london-12693388.html


    Das alles könnte sogar zu schönen Investitionsmöglichkeiten führen, falls der Markt zu irgendeinem Zeitpunkt den Austritt erwarten sollte und irgendwelche Aktien abstraft.


    wp