Inflation bei exogenen Schocks ---> Einfluss auf Zinsniveau ?

  • Ich habe trotz längerer Suche keinen geeigneten Thread gefunden, deshalb ein neuer.

    Thema: Ich bin etwas ratlos, weil man überall lesen kann, dass wegen der gestiegenen Ölpreise eine höhere Inflation zu erwarten ist und deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit die FED die US-Zinsen erhöhen wird. Ein Beispiel von heute als Beleg - müßt ihr nicht lesen:

    Zitat

    Die militärischen Spannungen im Nahen Osten nehmen wieder zu: Gegenseitige Angriffe zwischen den USA und Iran sowie das Vorrücken der mit Iran verbündeten Huthi-Milizen in die Hafenstadt Mokka am Roten Meer bringen die Schifffahrt durch die Strasse von Hormuz und das Bab al-Mandab zum Erliegen. Wegen Schäden durch Drohnenanggriffe musste Saudi-Arabien zudem die wichtige Ost-West-Pipeline abschalten. Die Energiepreise zeigen wieder steil nach oben: Ein Fass der Rohölsorte Brent kostet derzeit rund 108 $.


    Das sorgt rund um den Globus weiterhin für Inflationsdruck. In der vergangenen Woche sah sich die Europäische Zentralbank deshalb gezwungen, die Leitzinsen um 25 Basispunkte (Bp) auf 2,5% anzuheben. Da die Teuerung auch in den USA zu hoch ist, hat die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung an der nächsten Sitzung der US-Notenbank am Mittwoch zugenommen. Gemäss Futures-Preisen geben die Händler einer Zinserhöhung um 25 Bp auf ein Zielband von 3,75 bis 4% eine Wahrscheinlichkeit von nahezu 90%.

    Der Zusammenhang Ölpreis --> Inflation ist klar, das müssen wir nicht diskutieren.

    Aber der Zusammenhang Inflation --> Zinserhöhung scheint mir hier nicht angebracht. Ich dachte immer, Zinsen sollen bei hoher Inflation deshalb erhöht werden, weil die Inflation in der Regel durch eine überhitzte Konjunktur entsteht und die Zinserhöhung diese überhitzte Konjunktur abkühlen soll.

    Von einer überhitzten Konjunktur kann ja momentan keine Rede sein, und die aktuelle Inflationserwartung wird maßgeblich von den steigenden Ölpreisen bzw. dem Irankrieg beeinflusst. Allgemein gesprochen: Von einem exogenen Schock.

    In so einer Situation die Zinsen zu erhöhen und damit die Konjunktur zu drosseln (die vermutlich ihrerseits unter hohen Energiekosten leidet) wäre doch kontraproduktiv. Oder habe ich da irgendwo einen Denkfehler?

  • Die Bedenken habe ich auch, der Flassbeck übrigens auch. Aber die Zeiten als Geldpolitik noch von Leuten mit Know-How gemacht wurde sind lange vorbei.

    "Die Nationalökonomie ist die Metaphysik des Pokerspielers"

    (Kurt Tucholsky)

  • nixda: Danke, das beruhigt mich. Den Heiner Flassbeck habe ich nach deinem Hinweis gegoogelt - der hat vor ein paar Tagen ein Video zur letzten Zinserhöhung durch die EZB gemacht und ist deshalb total auf Zinne. Wenn ihr mal einen Wirtschaftswissenschaftler sehen wollt, der völlig am Rad dreht, dann zieht euch das Video rein, sind nur 10 Minuten ;)

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  • Aber der Zusammenhang Inflation --> Zinserhöhung scheint mir hier nicht angebracht. Ich dachte immer, Zinsen sollen bei hoher Inflation deshalb erhöht werden, weil die Inflation in der Regel durch eine überhitzte Konjunktur entsteht und die Zinserhöhung diese überhitzte Konjunktur abkühlen soll.

    Von einer überhitzten Konjunktur kann ja momentan keine Rede sein, und die aktuelle Inflationserwartung wird maßgeblich von den steigenden Ölpreisen bzw. dem Irankrieg beeinflusst. Allgemein gesprochen: Von einem exogenen Schock.

    In so einer Situation die Zinsen zu erhöhen und damit die Konjunktur zu drosseln (die vermutlich ihrerseits unter hohen Energiekosten leidet) wäre doch kontraproduktiv. Oder habe ich da irgendwo einen Denkfehler?

    Vollkommen d'accord.

    Das ist was ich (auch in Bezug auf Vonovia) auch dauernd sage:
    Automatismus steigender Ölpreis -> steigende Zinsen ist Quatsch, und muss auch nicht so kommen.

    Die Frage ist immer: Wird eine Inflationsspirale angestoßen durch den exogenen Schock oder nicht?
    Falls ja, sind Zinserhöhungen angebracht.
    Nach Covid war das so, der exogene Schock verwandelte sich in eine Spirale mit steigenden Preisen, da war es nötig die Zinsen anzuheben.

    Vermutlich hat man davor wieder Angst?

    Andererseits kann auch gut sein dass derlei diesmal nicht kommt, sondern das Gegenteil. Nämlich die Leute bremsen ihre Ausgaben, sparen, es kommt eine Rezession etc.
    Gründe: Diesmal kein "Nachholdruck" und hohe Ersparnisse wie nach Covid.
    Sowieso schon lahmende Industrie.
    Steigende Arbeitslosigkeit wegen Umbruch und auch wegen KI.
    Bau lahmt schon.
    Staatsausgaben werden sehr wahrscheinlich fallen weil Refinanzierung immer schwieriger, auch schon bei aktuellen Zinsen.

    Ich sehe daher keine dauerhaft steigenden Zinsen.
    Bissl Aktionismus vielleicht, 1-2 Quartale lang, aber nicht mehr.

    Ein weiterer Grund für zinssensitive Werte wie Vonovia wo "zinsen steigen unaufhörlich" als Fakt bereits eingepreist scheint.

    ps. das gilt für Europa.
    In USA boomt die Wirtschaft und die Kosten rennen tatsächlich, wie ich neulich erst schmerzhaft feststellte vor Ort. Alle Restaurants etc sind bumsvoll dort, es brummte wie man so schön sagt.

    "I swear by my life and my love of it that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for mine." - John Galt in "Atlas Shrugged"

    "If you act out of fear, anger, despair or suspicion - this will ruin everything." - Thich Nhat Hanh

  • Automatismus steigender Ölpreis -> steigende Zinsen ist Quatsch, und muss auch nicht so kommen.

    Wie ich vor Monaten zu Vonovia schon schrieb (es scheint keinen eigenen Thread zu geben, also macht doch einen auf, oder schreibt im Immobilien-Thread): eine zinserhöhung ergibt zwar keinen Sinn, das heißt aber nicht, daß die EZB es nicht trotzdem tut. Die Frage wäre dann eher, welchen Einfluß die Leitzinsen auf die langfristigen Zinsen haben.

    In "unserer Demokratie" werden keine Minderheiten unterdrückt oder zum Schweigen gebracht (Boris Pistorius). Sondern die Mehrheit.
    "Unsere" Demokratie verhält sich zur Demokratie wie Transfrauen zu Frauen.

  • Vielleicht übersehen wir gerade, dass inzwischen die Unternehmen interessantere Zinsen bieten, als die Staaten bislang geboten haben. Und mindestens einer von beiden, muss sein nicht mehr funktionierendes Geschäftsmodell mit Zinsen finanzieren, um die Leute bei Laune zu halten.