Gläubigerschutzgedanke und Wahlrechte nach US-GAAP: Stock Options und Goodwill

Das Gläubigerschutzprinzip dominiert noch immer zahlreiche kontinentaleuropäische Bilanzierungsvorschriften. Ein Hauptgrund dafür ist die historisch starke Bedeutung der Kreditfinanzierung für Unternehmen im europäischen Raum und die daraus resultierende einflussstarke Stellung von Kreditgebern im Verlauf der Entstehung der Bilanzierungsgrundsätze.


Im Sinne des Gläubigerschutzgedankens ist eine Rechnungslegung, die Fremdkapitalgeber wie Banken oder Lieferanten möglichst wirkungsvoll vor Vermögensverlusten schützt und damit eine Bedienung ihrer gewährten Kredite sicherstellt. Im HGB verankert das Vorsichtsprinzip, welches sich im Realisations-, Imparitäts-, Anschaffungswert-, Maßgeblichkeits-, und Einzelbewertungsprinzip niederschlägt, den Gläubigerschutzgedanken. Diese Grundsätze setzen Unternehmen einerseits in die Lage stille Reserven anzulegen und führen andererseits dazu, dass Gewinne durch Nichtausschüttung längerfristig im Unternehmen verbleiben. Diese Bilanzierung verschafft Fremdkapitalgebern, zu Lasten einer realitätsnahen Darstellung der Vermögens- und Ertragslage, eine zusätzliche Sicherheit, erschwert jedoch im Gegenzug Investoren die Entscheidungsfindung und behindert außerdem die Vergleichbarkeit von Jahresabschlüssen.


Der traditionell hohe Anteil der Kapitalmarktfinanzierung im US-amerikanischen Raum macht im Gegensatz zum kontinentaleuropäischen Gläubigerschutzprinzip den Investor zum Hauptadressaten des Jahresabschlusses. Das zentrale Ziel der US-amerikanischen Rechnungslegung ist deshalb die Bereitstellung von Informationen, die geeignet sind, externe Adressaten wie Investoren bei Entscheidungen, die auf ein finanzielles Engagement im Unternehmen abzielen, zu unterstützen (decision usefulness) - ein Anlegen stiller Reserven oder das Nichtausschütten von Gewinnen würde diesem Ziel entgegenwirken. Aus diesem Grund ist es notwendig, dass das financial reporting die wirtschaftlichen Verhältnisse eines Unternehmens möglichst realitätsnah abbildet, d.h. Einblicke in die tatsächliche Vermögens-, Finanz- und Ertragslage gewährt werden (fair presentation).


Das FASB macht deshalb mit SFAC No. 2 die Entscheidungsrelevanz (relevance) und die Verlässlichkeit (reliability) der Informationen zu den primären Qualitätsanforderungen des Jahresabschlusses. Diese Forderungen sollen sicherstellen, dass Investoren und Gläubiger einerseits zeitnah mit allen relevanten Informationen versorgt werden und andererseits gewährleisten, dass sich die bereitgestellten Informationen in einem ausreichendem Maß objektiv nachprüfen lassen und damit der Realität entsprechen. Als sekundäre Qualitätsanforderung nennt das FASB die Vergleichbarkeit. Unternehmensabschlüsse sollen sowohl temporal (consistency) als auch zwischenbetrieblich (comparability) vergleichbar sein. Die Gläubigerschutzfunktion im Sinne des HGB hat nach US-GAAP demzufolge nur eine der wahrheitsgemäßen Informationsversorgung nachrangigen Bedeutung.


Der folgende Artikel wird sich damit beschäftigen, ob die Bilanzierung von Stock Options und Goodwill nach US-GAAP Wahlrechte und Ermessensspielräume einräumt, die es Unternehmen ermöglichen, die wahre Vermögens- und Ertragslage bilanzpolitisch zu verzerren und damit eine realitätsnahe Informationsversorgung der Gläubiger gefährden. Unter Gläubigern werden im weiteren sowohl Fremdkapitalgeber wie Banken oder Lieferanten als auch sonstige externe Adressaten wie Investoren oder Rating-Agenturen verstanden.


Im zweiten Kapitel wird zunächst auf die Grundlagen und Ermessensspielräume im Zusammenhang mit der Bilanzierung von Aktienoptionen eingegangen. Im Anschluss daran werden diese Fragen in Kapitel drei für die Bilanzierung von Goodwill näher erörtert.